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Kunst auf Weinetiketten: Genuss für das Auge

Gute Köche wissen, wie wichtig das Anrichten der Speisen ist. „Das Auge isst mit“ ist keine hohle Phrase, sondern Tatsache und so verteilen sie beim Anrichten ihrer Köstlichkeiten kunstvoll Blütenblätter und Soßenkleckse auf dem Teller und bauen kulinarische Türmchen.

Ähnlich haben wohl bereits jene Winzer gedacht, die Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Künstleretiketten drucken ließen – schließlich ist das Etikett so etwas wie die Visitenkarte eines Weines. Neben den sachlichen und gesetzlich vorgeschriebenen Mindest-Informationen für die Verbraucher vermittelt die Gestaltung, jedenfalls im Idealfall, bereits einen optischen Vorgeschmack auf den Inhalt der Flasche. Das Etikett ist somit auch ein Instrument des Marketings und ein Kaufargument, denn es gibt nicht wenige „Etiketten-Trinker“. Kein Wunder also, dass die frühen Künstleretiketten, die übrigens aus Deutschland stammen, auf den Zeitgeschmack eingingen.

So wurde etwa die heimische Literatur bemüht, indem auf den Etiketten zum Beispiel Szenen aus deutschen Heldensagen dargestellt wurden. Beliebt waren bei diesen ersten „weinseligen“ Kunstwerken aber auch die Landschaften, in denen die Trauben gereift waren.

Im frühen 19. Jahrhundert entdeckte der Wein die Kunst – und umgekehrt

Laut dem renommierten Wein-Journalisten Wolfgang Hubert stammt eines der ältesten Weinetikette Deutschlands (mit künstlerischem Anspruch) aus dem Jahr 1811. Damals ließ das Weingut „Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan“ aus der Pfalz seine sortenreinen Weine entsprechend verschönern.

Eine gute Idee setzt sich garantiert durch, die Nachahmer wahren aber nicht immer die Qualität. Das gilt natürlich auch für die malerischen und kunstvollen Weinetiketten. Während die großen und finanziell erfolgreichen Weingüter die Gestaltung und das Malen den Profis überließen, durften bei den anderen auch mal die Hobbykünstler ran. Entsprechend unterschiedlich fällt das Niveau der Etiketten aus. Einige Highlights stammen aus der Epoche des Jugendstils, danach liegt diese Kunstgattung dann eine Weile auf dem Trockenen.

Es bedurfte einer Katastrophe, bevor der Startschuss für die Rückkehr der Kunstetiketten fiel. Abgegeben wurde er in Frankreich und löste eine Entwicklung aus, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Es ist 1945, der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Baron Philippe de Rothschild, Mitglied einer schwerreichen Familiendynastie und berufliches Multitalent, will den Frieden und den Sieg über den Faschismus feiern. Für den Jahrgang 1945 beauftragt er deshalb einen jungen Maler, das Etikett zu gestalten. Bis heute wird diese vom Format her kleine Arbeit von Philippe Jullian in dessen Werksverzeichnis geführt.

Viele große Namen garantieren noch kein gutes Investment

Philippe de Rothschild kreierte damit 1945 nicht nur für sein eigenes Weingut einen enormen Trend. Nachfolgend wurden die Künstler, die den Auftrag für eine Gestaltung ergatterten, immer bedeutender und irgendwann auch immer teurer. In einem Jahr gab es Salvador Dali auf der Flasche, im nächsten Keith Haring oder auch Größen wie Georg Baselitz und Francis Bacon. Die Liste ist lang, bunt und eindrucksvoll und sie führte schließlich dazu, dass selbst eine leere Flasche noch einen gewissen Wert hat. Immerhin, auch hier sei wieder auf Wolfgang Hubert und seine Studien verwiesen, kann man mit ausgetrunkenen Rothschild-Flaschen mit Künstleretiketten heute fünfstellige Beträge erzielen. Bevor ich mit diesem Hinweis jetzt allzu große Hoffnungen wecke: Dafür müsste man eine lückenlose Jahrgangssammlung von 1945 bis heute sein eigen nennen.

Grundsätzlich sind Etiketten nicht als Investment gedacht und auch nicht zu empfehlen. Das bedeutet allerdings nicht, dass nicht schon versucht worden wäre, mit „Kunst“ auf dem Etikett einen eher mittelmäßigen Wein aufzuwerten. Auch diese Versuche haben mit dazu geführt, dass in der Weinwelt lange eine hitzige Debatte pro und contra Kunst auf Etiketten geführt worden ist.

Inzwischen hat sich das Ganze beruhigt, man sieht die Sache gelassener und es gibt nach wie vor Künstler-Editionen, für die ein höherer Preis verlangt wird. Ein Beispiel dafür ist etwa das französische Champagnerhaus Taittinger, das nicht nur das Etikett, sondern gleich die ganze Flasche künstlerisch ummanteln lässt. Auf diesem eng eingegrenzten Markt ist es auch durchaus immer wieder mal zu moderaten Wertsteigerungen gekommen. Spekulation lohnt aber auch hier nicht – Spaß macht es natürlich schon.

Im Prinzip aber sollte ein Wein nach wie vor wegen seines Geschmacks, seiner Qualität und seiner Lagerfähigkeit gekauft werden. Kunst hin oder her: Wenn das eine oder andere Etikett ganz besonders gut gefällt oder der Wein zu einem speziellen Anlass getrunken wurde, dann kann man es vorsichtig ablösen, trocknen und in einen hübschen Rahmen geben. Das Ablösen funktioniert am besten über Wasserdampf oder wenn die Flasche eingeweicht wird.

Wer über unbegrenzten Platz verfügt, kann natürlich auch die Flaschen sammeln… 😉

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