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Wer hat Angst vorm Kalterersee? Niemand!

Und wenn er kommt? Probieren wir! Der Kalterersee-Wein entsteht aus Vernatsch und am Vernatsch scheiden sich die Geister. Die einen können ihn überhaupt nicht leiden, die anderen lieben ihn. In Kaltern liebt man ihn, natürlich, und will die ganze Welt mit dieser Begeisterung anstecken. Ist dieses Vorhaben realistisch oder bloß ambitioniert? Davon wollen wir uns auf unserer kleinen Weinreise nach Südtirol ein eigenes Bild machen.

Das Überetsch ist traditionell eines der typischen Anbaugebiet für den autochthonen Vernatsch.  Außerhalb Südtirols bzw. Norditaliens findet man den Vernatsch fast ausschließlich in Deutschland, im Anbaugebiet Württemberg, wo die Rebsorte als Trollinger bekannt ist und der Wein stilistisch deutlich anders daherkommt. In Deutschland bezeichnet sich außerhalb Württembergs kaum jemand als Anhänger des Trollinger, der jahrzehntelang mit dem Image des verstaubten, parfümierten und viel zu süßen „Oma-Weins“ zu kämpfen hatte. Hierzulande kann sich der Trollinger nur schwer von diesem Ruf befreien, aber in Südtirol hat der Vernatsch ein ganz anderes Standing. Die Rebsorte ist dort ein regelrechter Lokalheld, ganz besonders in Kaltern, und trägt mit der DOC Kalterersee eine eigene geschützte Ursprungsbezeichnung. Den Kalterersee müssen wir also unbedingt kennenlernen!

Wie sieht das denn aus? Ein Dach voller Trauben!

Bevor der Kalterersee später tatsächlich ins Glas fließt, bekommen wir zuerst einen optischen Eindruck. Wir wandern durch die Weinberge und bestaunen Rebgärten, in denen der Vernatsch an sogenannten „Südtiroler Pergln“ wächst. Für Südtirol-Neulinge ist diese traditionelle Pergl-Erziehung ein ungewohnter Anblick: Die Reben werden über ein horizontales (Holz-)Gestänge geführt und so entsteht ein grüner „Tunnel“ bzw. ein grünes „Dach“ über zwei Pflanzreihen, an dem die köstlichen Vernatsch-Trauben üppig herunterhängen. Diese typische Pergl-Kultivierung des Vernatsch prägt insbesondere in Kaltern seit jeher das Landschaftsbild. Es sieht sehr malerisch aus, aber die Traubenernte ist hier eine Knochenarbeit, denn sie kann kaum maschinell erfolgen, sondern muss mithilfe von speziellen „Auffangtrichtern“ mehr oder weniger über Kopf erfolgen – Respekt vor so viel Hingabe an die Tradition!

Was macht den Kalterersee so besonders?

Die Kalterersee-Weine wollen bestmögliche Qualität ins Glas bringen und den einzigartigen Charakter ihrer Herkunft zum Ausdruck bringen, ein hoher Anspruch. Diesen zu erfüllen hat man vor ein paar Jahren eine besondere Initiative ins Leben gerufen – die Kalterersee-Charta. Die Charta ist eine selbstverpflichtende Qualitätsoffensive der lokalen Weinproduzenten, die Standards setzt. In jedem Jahr kürt eine unabhängige Jury die besten Kalterersee-Weine, die dann das Charta-Gütesiegel tragen dürfen.

Es sind moderne, leichtfüßige und alltagstaugliche Weine, trocken ausgebaut mit fruchtigen, beerigen Aromen bis hin zu Anklängen von bittersüßen Mandeln. Der Kalterersee wirkt eher sanft und delikat mit wenig Tannin und wenig Säure, dennoch mit einer charmanten Frische und einer gewissen geschmeidigen Qualität und im Idealfall einer guten Balance zwischen Leichtigkeit, Kraft und Konzentration. Das Farbspektrum reicht von sehr hellem Rot bis zu dunkleren Tönungen, wenn z.B. ein geringer Anteil Lagrein oder Cabernet dem Kalterersee etwas Fülle verleihen sollen.

Die Kalterer nennen ihren Wein „Poesie in der Flasche“ und wünschen sich natürlich, dass der Rest der Welt den Kalterersee ebenfalls für sich entdeckt. Nach und nach passiert das bereits, z.B. wenn der renommierte Italienische Weinführer Gambero Rosso seine 3 Gläser nach Kaltern verteilt. Und wenn das Interesse der Weinwelt ein bisschen auf sich warten lässt, wird man eben aktiv und startet kreative Marketing-Aktionen: So ziehen z.B. zwei weinmachende „Kalterersee-Piraten“ im Frühjahr 2016 mit dem Tandem und einer Weinschatzkiste durch Italien, um den Rest des Rotwein liebenden Landes mit dem heimischen Schatz vertraut zu machen. Eine originelle Aktion, die die gewünschte Aufmerksamkeit gebracht hat, arr, arr!

Ein vielseitiger, leichter Roter – die Zeit ist reif!

Die Einheimischen genießen ihren Kalterersee am liebsten als vielseitigen Speisenbegleiter, besonders im Sommer schön gekühlt auf der Terrasse – ein Ansatz, mit dem wir uns durchaus anfreunden konnten. Wir finden die Qualität, das einzigartige regionale Profil und den aromatischen Charme, von dem die Kalterer so schwärmen, tatsächlich im Glas wieder. Es fällt uns nicht schwer, nachzuvollziehen, warum man hier auf den Vernatsch stolz ist und den Kalterersee überregional bekannt machen will. Aber es ist wie immer beim Wein: Auch der noch so hervorragend gemachte Kalterersee kann nicht durch die Bank alle begeistern oder bestehende Vorlieben über den Haufen werfen. Wer eher füllige und kräftige Rotweine bevorzugt, wird dem Kalterersee wahrscheinlich nicht treu bleiben. Doch sogar die Weinfachfrau und Trollinger-Verächterin unter uns hat dem Kalterersee ganz ohne Zähneknirschen seine Qualität, den eigenen Charakter und Reiz bescheinigt. Also, löst Euch von Eurem Trollinger-Trauma und traut Euch ran an den Kalterersee, er hat eine Chance verdient!

 

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